Verkettung zufälliger Umstände hat mich irgendwann während eines gemeinsamen Urlaubs mit I. und Junior im August 2022 auf eine britische Internetradio-Station befördert. Nein, gänzlich Zufall war dies mitnichten, da ich schon lange von der bis dahin immer im Hintergrund laufenden Schweizer Radiostation mit ihrem unerträglichen Lokalkolorit genug hatte.
Seither dudelt das britische Internetradio den ganzen Tag inflationär im Hintergrund vor sich her, ohne dass ich ihm Aufmerksamkeit schenken würde.
Gelegentlich kommt es allerdings vor, dass eine Melodie oder ein Text, die bei Dance und House, wenn überhaupt vorhanden, in der Regel eher von schlichtem Inhalt sind, meine Aufmerksamkeit ergreift.
So geschehen in letzter Zeit, wann genau zum ersten Mal, kann ich nicht mehr einordnen, es wird irgendwann in den letzten Wochen gewesen sein.
Ohne zu wissen, wer genau da spricht, fragt eine Stimme aus dem Off einer leichten Dance Melodie, ob wir in einer Simulation lebten.
Da ich als IT-Mensch auf gewisse Triggerworte reagiere, griff dieser Reflex beim Wort ‚Simulation‘ von selbst, wobei natürlich klar war, dass die Fragestellung nur sekundär IT-relevant ist.
Die Simulationstheorie geistert schon länger in verschiedenen Memes durch alle möglichen Internetcommunities, zumeist wenig gehaltvoll und bar jeglichen Versuchs, die mit dem Begriff ausgeworfenen Implikationen verstehen zu wollen.
Jedenfalls begab es sich, dass dieser Track irgendwann gestern Nachmittag erneut lief, worauf ich kurzerhand den im Song zitierte Satz ‚are we living in a simulation?‘ in der Suchmaschine meines Vertrauens eingab und dabei auf eine Site von scientificamerican.com gelangte. Dort stand:
Confirmed! We Live in a Simulation
We must never doubt Elon Musk again
Zweifelsohne ist dies ein typischer Clickbait-Text, trotzdem begann ich zu lesen und fand, gewiss ohne Anspruch auf höchste wissenschaftliche Massstäbe eine interessante, deduktiv geführte Beweisführung, die hier darauf hinauslief, dass sich der Beweis einer Simulation unserer eigenen Realität in der begrenzten Rechenleistung des für die Simulation verwendenten Computers sich für uns sichtbar bemerkbar machen müsse. Der physikalisch begrenzende Faktor wäre dabei die maximale Arbeitsfrequenz der CPU.
Die physikalisch determinierte Verarbeitungsgeschwindigkeit des Rechner würde sich in unserer virtuellen Realität dergestalt ausdrücken, dass etwa die Lichtgeschwindigkeit – in einer statischen Relation zur Taktfrequenz der CPU einen Maximalwert nicht überschreiten könne.
Da ich zuvor etwas von innerer Unruhe getrieben war, stellte ich entsprechend schnell fest, wie die Anspannung in eine stimmige Leichtigkeit überging. Das ist natürlich wenig überraschend, da ich mich notgedrungen schon in jungem Alter darauf konditionieren musste, in der abstrakten Welt chemischer und physikalischer Formeln meine Ankerplätze zu finden.
Stimmig war in diesem Empfinden nicht lediglich die Beweisführung der Taktgeschwindigkeit der CPU als begrenzender Faktor der auf ihm laufenden Simulation, sondern, um zurück zu jenem Musiktrack zu kommen, die simple Erkenntnis, dass es egal ist, ob wir nun das Produkt einer Simulation auf dem Rechner einer übergeordneten Entität sind oder nicht, weil die für uns manifeste Realität unzweifelhaft nicht nur die Lichtgeschwindigkeit bei 300000km-s festsetzt, sondern ebenso den Schmerz eines gebrochenen Knochens oder das Leid über den Verlut eines geliebten Menschens.
Wo wäre der Unterschied zwischen dem Glauben an die Existenz Gottes und der Vermutung, dass unsere Welt ein Stück Code auf einem Rechner ist? Beide Modelle liessen sich mit einer gegen 0 konvergierenden Wahrscheinlichkeit beweisen, egal wie handfest etwaige Indizien wären – sie blieben axiomatisch nicht beweisbar.
In der Welt des Menschen, der von einer fanatischen Bessenheit getrieben ist, selbst für das Unmögliche zumindest statistische Wahrscheinlichkeiten und Korrelationen zu liefern, wird die Absurdität alleine des Versuchs, eine schlüssige Herleitungen zu finden, erst richtig offenbar.
Es sei jedem unbenommen, dennoch diesen Beweis erbringen zu wollen, sofern er nicht gewillt ist, auf diesem Weg die Grenzen des Menschlichen und der Menschlichkeit zu kassieren.
Für meinen Teil ziehe ich mich in mich zurück und nehme die existentialistische Erkenntnis, dass der Mensch zur Freiheit verdammt sei, nicht mit Defätismus, sondern mit der Bereitschaft, in Demut dem Leben zu vertrauen, als unumstössliche Realität an, selbst wenn ich mir damit eingestehe, möglicherweise kaum mehr als ein Abstraktum von 0 und 1 zu sein.